AKTUELL - Mai 2008
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Anhaltende Regierungs- und Staatskrise in
Belgien?
Welche Lehren für die Integration Europas? – eine Diskussionsveranstaltung
bei Europe Direct, Köln, VHS
Es waren wenige Zuhörer, aber
die Vortragsveranstaltung am 21. Mai „Wallonien – eine Region im Herzen Europas“,
organisiert von der deutsch-belgischen Gesellschaft und der Europa-Union,
in den Räumen von Europe -Direct, VHS, Köln, wurde zu einer inhaltlich
spannenden und aufklärenden Lehrstunde über „europäische Integration“
im Zeitalter der Globalisierung.
Dies ist sicherlich das Verdienst der beiden Referenten: Dr. Siebo JANSSEN,
Politologe und Belgienspezialist der Uni Köln und Jean-Paul DETAILLE,
Wallone, Wirtschaftsrat am Belgischen Konsulat von Köln.
Janssen zeichnete zunächst das Bild eines gegenwärtig, vor allem
seit den Wahlen vom 10. Juni 2007, in zwei Lager schroff gespaltenen Belgiens:
das südliche französisch sprechende Wallonien und das nördlich
von Brüssel gelegene (niederländische) Flandern. Belgien kennt drei
unterschiedliche Regionen: Flandern, Wallonien und die Hauptstadt Brüssel,
und drei unterschiedliche (Sprach-) Gemeinschaften: das französische,
flämische und deutsche Sprachgebiet, wobei letztere kaum Probleme aufwirft!
Für ausländische Beobachter Belgiens, eine kaum bis schwierig zu
verstehendes politisches System: Eine parlamentarische Monarchie, aber vor
allem ein in „Regionen“ und „Gemeinschaften“ mit unterschiedlichen Befugnissen
sich immer mehr separierendes Land, dessen gemeinsame Klammern immer weniger
greifen, in dem gerade auch die Parteien regional nach der jeweiligen Sprache
strukturiert sind, mit jeweils unterschiedlichen Parlamenten und Regierungen.
Der „Zentralstaat“ verliert deutlich
an Gewicht, ist aber nach wie vor für bestimme Bereiche verantwortlich,
z.B. für Verteidigung, Sozial- und Steuerpolitik, Aber schon bei Außenwirtschaftsfragen
kommen die „Regionen“ ins Spiel, da sie primär für ökonomische
Fragen zuständig sind; die „Gemeinschaften“ regeln personelle Angelegenheiten,
vor allem das Schulwesen, in dem die 1962 festgelegten Sprachgrenzen strikteste
Beachtung finden.
Der Sprachenstreit und die auferlegte tendenzielle Spracheinseitigkeit ist
seit der Verfassungsrevision von 1970 und der Bildung der Regionen nicht dauerhaft
gelöst.
Zu einem Höhepunkt der jetzigen Krise kam es in dem überwiegend
französisch orientierten Brüssel, in dem Wahlkreis Brüssel-Halle-Vilvoorde“,
für den im Innenausschuss des Parlaments die flämische Mehrheit
gegen den Willen der frankophonen Minderheit die Teilung durchzusetzen versuchte;
der Wahlkreis ist der einzige, in dem sowohl flämische als auch wallonische
Parteien zur Wahl antreten durften.
Der Streit ist noch nicht ausgetragen und spiegelt, so die beiden Referenten, die jetzige Regierungs- und Staatskrise Belgiens. Zwar ist der Sieger der Wahlen vom 10. Juni, Yves Leterne, nach mehr als 9 Monaten Suche seit Ostern Premierminister einer 5- Parteienkoalition, aber sein Versprechen, bis 15. Juli eine Staatsreform konsentiert durchzusetzen, ist, so Janssen, mehr als fragwürdig.
Für beide Referenten wird hier auch die „europäische Dimension“ der belgischen Staats- und Regierungskrise deutlich:
? In dem seit einigen Jahrzehnten mehr
und mehr prosperierenden Flandern weigern sich viele Flamen die sozialen Transferlasten
in das ärmere Wallonien zu tragen und finden in den
Flämischen Parteien Gehör, nicht nur in der nationalistischen „Vlaams
Belang“; es fehlt nicht an Eiferern, die eine eigene regionale bzw. staatliche
Autonomie Flanderns fordern, den belgischen Staatsverband verlassen wollen,
wobei die öffentlichen Umfragen diesen Weg aber noch ablehnen.
Die Wallonen ihrerseits sind seit langem
auf die Solidarität des belgischen Nordens angewiesen. Ehemals die Führungsregion
der industriellen Entwicklung Belgiens und Europas (!) stehen sie seit dem
Zusammenbruch von Kohle und Stahl vor großen Schwierigkeiten. Dies ist
auch heute noch, so Detaille, die psychologische Frage nach dem Selbstverständnis:
Wo liegt die Zukunft für uns Wallonen?
Kann Belgien, ehedem ein durchaus erfolgreiches Lösungsmodell für
das Zusammenleben unterschiedlicher Völker und Sprachgruppen, damit heute
noch im Zeitalter von Globalisierung und knapperen Ressourcen aufgrund schwindender
Solidarität und Gemeinsamkeit Beispielcharakter haben für andere
europäische Konfliktregionen (z.B. in Südosteuropa)?
? Unschlüssig hierzu Detaille, der auf die entschlossenen Bemühungen der Wallonen hinwies, die wirtschaftliche Entwicklung selbst in den Griff zu bekommen. Seit 2 Jahren gibt es einen Marshall-Plan für die Wallonie, der mit einem Volumen von 1,6 Mrd. € in einem Zeitraum von 6. Jahren die „Wettbewerbspole“ dieser Region (z.B. Logistik, Ausbildung, Forschung) stützt und auch bereits deutliche Erfolge aufweist.
Noch wünschten die 10,2 Mio. Belgier
das Fortbestehen der beiden Regionen innerhalb des belgischen Staatsverbands.
Es mag gelingen, wenn einige Bedingungen sich günstiger entwickelten,
z.B. Brüssel ggf. besser seine Mittler- (Dolmetscher-)rolle wahrnimmt.
Beide Referenten sind sich aber in einem einig:
Die „Gemeinschaften“ und die durch sie geschaffenen sprachlichen Einseitigkeiten
wirken derzeit als ethnische Grenzen und sind das „Krebsgeschwür“ für
den Zusammenhalt der belgischen Gesellschaft.
Dr. Winfried Vahl, Europa-
Union, Leverkusen