Schiefers Kolumne

November 2011

Druckfassung

Europa – jetzt erst recht!

Liebe Europa-Freundinnen,
liebe Europa-Freunde,

ich kann es bald nicht mehr hören und sehen; schon seit Monaten überschütten uns die Medien mit negativen Nachrichten über die EU-Schuldenkrise. Bekanntlich können permanent andauernde Negativmeldungen Krisen noch übermäßig verstärken. Einzige Profiteure dabei sind institutionelle und private Zocker an den internationalen Börsen. Oft bringen sie zusätzliche Gerüchte in Umlauf um Börsenkurstrends nach ihrem Belieben zu manipulieren. Das Ergebnis im Fall der EU-Krise ist, dass viele verunsicherte EU-Bürger wegen einer befürchteten Hyperinflation um ihre Ersparnisse bangen.
Den weiteren Zusammenhalt der EU aber nur auf die Probleme der derzeitigen Finanzkrise zu reduzieren, halte ich für absolut kurzsichtig und fatal. Denn vergessen wir nicht das politisch Erreichte, mit der großen Zahl an zwischenstaatlichen Errungenschaften, die man sich nach dem 2. Weltkrieg nicht im Traum hätte vorstellen können.
Zugegeben, Griechenland hatte sich den Eintritt in die Euro-Zone mit Buchhaltungstricks in den Staatshaushaltsbilanzen erschlichen. Über ihre finanziellen Verhältnisse haben bisher aber bestimmt nicht die griechischen Normalbürger gelebt, sondern die Politiker mit ihrer oft korrupten Administration, die bis jetzt nicht fähig ist, gerechte Steuern, insbesondere bei den Reichen des Landes, anzusetzen und deren ins Ausland verschobenes unversteuertes Vermögen einzutreiben.
Ich meine, nun nach Bildung einer neuen vertrauenswürdigeren griechischen Regierung, sollte Solidarität angesagt sein, und zwar insbesondere mit den griechischen Normalbürgern, die die nächsten Jahre unter der desaströsen wirtschaftlichen Situation sowieso am meisten leiden müssen.
Denken wir mehr politisch und geschichtlich an unsere Vergangenheit nach dem 2. Weltkrieg, in der wir als „Geächtete“ relativ schnell in die europäische Völkergemeinschaft wieder aufgenommen und mit Staatskrediten bis hin zu „Care-Paketen“ aus den USA unterstützt wurden. Und erinnern wir uns auch an die deutsche Wiedervereinigung vor 20 Jahren, die uns Deutsche fast 2 Billionen Euro gekostet hat und über den Solidaritätsbeitrag bis zum heutigen Tag weiter finanziert wird. Hier haben wohl die meisten von uns Deutschen aufgrund ihrer nationalen Identität diesen Solidaritätsbeiträgen auch aus ihrem Herzen zugestimmt. Unsere derzeitige Staatsverschuldung von annähernd 2 Billionen Euro entspricht also in etwa unseren Wiedervereinigungskosten, und wir schultern trotzdem, nur aufgrund unserer Exportstärke, diese ungeheuer hohe finanzielle Belastung relativ gut, ohne bisher dabei Bankrott gegangen zu sein. Notwendig ist es aber, dass ab sofort alle EU-Regierungen ihre Staatschulden in dem Maße reduzieren, am besten durch mehr Kontrolle durch die EU-Kommission, damit unsere nachfolgende Generation nicht den Bankrott anmelden muss, den wir leichtsinnig in die Wege geleitet haben.
Andere EU-Länder haben bei weitem nicht so entwickelte Industrien und sind folglich wesentlich „strukturschwächer“, was nicht nur auf Misswirtschaft beruht, wie es viele populistische Politiker propagieren.
Gerade deshalb sollten wir alle in unserer europäischen Staatengemeinschaft mehr Solidarität untereinander zeigen, bei der wir auch endlich eine entsprechende europäische Identität entwickeln. Eine Gemeinschaft von 17 Euro-Ländern sollte mit guten Willen und ohne zuviel Eigennutz in der Lage sein momentane und zukünftige Probleme und Krisen wie die der Griechen gemeinsam zu lösen.
Für ein geeintes Europa, als politische, wirtschaftliche, soziale und solidarische Staatengemeinschaft gibt es keine Alternative!

Ihr/Euer Bernd Schiefer

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